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Die Geschichte der Stadtmission Luzern
Hier finden Sie die Geschichte der Stadtmission Luzern. Das Meiste wurde aus einer Jubiläumsschrift anlässlich der Einweihung der Räumlichkeiten an der St. Karlistrasse entnommen. Klicken Sie für die einzelnen Zeitabschnitte auf den Link im Inhaltsverzeichnis.
Sie können die Geschichte von 1832-1980 auch als PDF runterladen. Klicken Sie dafür hier...
Die Anfänge der Stadtmission - verknüpft mit dem letzten Märtyrer der Schweiz und einem Bibelverbot
Die Wurzeln der Stadtmission Luzern reichen tief in das 19. Jahrhundert hinein. Im Oktober 1832 bestellte der Luzerner Geschichtsprofessor Alphons Pfyffer von Heidegg bei der bernischen Evangelischen Gesellschaft1 Neue Testamente. Diese dem Pietismus2 verpflichtete Gesellschaft wurde ein Jahr zuvor als Gegenströmung zum aufkommenden Liberalismus gegründet. Sie verstand sich als Erneuerungsbewegung innerhalb der bernischen Kirche. Die Stadtmission Luzern (früherer Name: Evangelische Gesellschaft und Stadtmission) ist Teil dieser 1831 in Bern entstandenen Institution.
Dass ein Luzerner Professor nicht so ohne weiteres in den Besitz einer Bibel kommen konnte, hatte seine Geschichte3. Ein gutes dreiviertel Jahrhundert zuvor, am 27. Mai 1747, wurde nämlich der führende Kopf einer Bibelbewegung auf dem Land, Jakob Schmidlin ("Sulzijoggi"), im Galgenwäldli an der Emme gehängt. Mit der Leiche des einfachen Bauern und letzten Märtyrers der Schweiz wurde auch eine Lutherbibel verbrannt. Von über 100 Mitangeklagten dieser Bewegung (aus Ruswil, Wohlausen, Werthenstein, Menznau, Malters, Kriens und Udligenswil) wurden 82 bitter bestraft. Zum grössten Teil mit ewiger Landesverbannung. Weil die Bibel Kern- und Ausgangspunkt dieser "Irrgläubigen" war, erliess die Obrigkeit Luzerns im Anschluss an den Prozess einen Erlass, der in ein allgemeines Bibelverbot mündete:
"Wollen hiermit auch allen und jeden unserer Untertanen, so nicht gelehrt sind, nicht nur die unkatholischen und verbotenen Bücher, sondern auch gute Bibeln zu verkaufen und an sich zu bringen, auf was weise das wäre, untersagt haben, mit dem noch ferneren Ansinnen, dass welche noch dato Bibeln oder andere verbotene oder sonst verführerische Bücher hätten, sie solche innert vierzehn Tagen, von Verkündigung dies Rufs an, ihren Seelsorgern oder Pfarrherren einliefern sollen, oder wo dergleichen hinter ihnen kurz oder lang gefunden würden, werden wir gegen solche mit all angemessener Schärfe verfahren ..."
Bibelverkauf in Luzern
Ab 1833 wurden dann in Luzern systematisch Bibeln verkauft. Der Geschichtsprofessor Alphons Pfyffer setzte sich beim Schultheiss Eduard Pfyffer von Altishofen für ein Hausiererpatent ein. Dadurch erhielten die Kolporateure (Bibelverkäufer) neben dem Verkauf von Haus zu Haus Zugang zu den Jahrmärkten auf dem Lande. Das Volk nahm die Bibeln dankbar an. Ein Auszug aus dem Tagebuch eines dieser Bibelverkäufer zeigt deutlich, wie dringend die Bibeln gebraucht wurden:
"Auf das Neueste haben wir wieder die Kraft des Wortes erfahren. Als einer, der schon früher ein Neues Testament bei uns gekauft hatte, uns auf dem Markt in S....e erblickte, gerieth er in grosse Freude und brachte noch einen Andern herbei, der ein Testament kaufte. Dieser wollte dem Ersten das seine abkaufen, der es aber nicht um eine Dublone geben wollte. - Ein Anderer kam und brachte auch wieder einen, damit er sich ein Testament kaufen möchte. Dieser sagte: wenn man in dem Buch liest, so kann man so bald nicht mehr aufhören."
Die Bibelverkäufe gestalteten sich aber als schwierig. Religiöse und politische Unruhen führten dazu, dass die Evangelische Gesellschaft ihre Bibelverkäufer zurückzog.
1848 bis 1849 sandte dann die Evangelische Gesellschaft abermals einen Bibelverkäufer, der "Meister Pipin" genannt wurde. Seine Verkaufstätigkeit war nur von kurzer Dauer. Die Geistlichkeit der Luzerner Landschaft stand gegen ihn auf. Er wurde von der Polizei aufgegriffen und nachts bei Schnee und grosser Kälte über die Grenze nach Zofingen gestellt. Die Evangelische Gesellschaft hatte in ihrer Tätigkeit über 1000 Bibeln in Luzern verkauft.
Ruswil und die Evangelische Schule
Nach dem deutsch-französischen Krieg (1870/71) setzte eine exodusartige Bewegung vieler, vorab Emmentaler Bauern, in den Kanton Luzern ein. Im Emmental, das damals übervölkert war, herrschten nicht zuletzt durch den regen Käsehandel gute wirtschaftliche Verhältnisse. Die neue Bundesverfassung von 1874 brachte endgültig allen Schweizern die unumschränkte Niederlassungsfreiheit. Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren für die Luzerner Landwirte krisenhaft. Viele bedeutende Höfe mussten verkauft werden. Als einer der wohl bedeutendsten Berner Siedler erstand Johann Blaser, Landwirt und Zimmermann aus Langnau, das Gut "Hopöschen" (Ruswil), nahe dem urgeschichtlichen, später verlandeten Rüediwiler-See. Ein im wahrsten Sinn des Wortes merkwürdiges Detail: Hopöschen wurde im 19. Jahrundert vom grossen Heimwesen Schübelberg abgetrennt. Just auf diesem Hof nahm wohl zu Beginn des 18. Jahrhunderts jene Bibelbewegung den Anfang, die 1747 zu dem tragischen Monsterprozess um J. Schmidlin führte.
Die zäh arbeitende Familie Blaser entstammt religiös der Gemeinschaft der „Tannental-Brüder“, einer pietistisch-mystisch geprägten Bruderschaft aus dem Tannental bei Biglen. Im Jahr der Einwanderung 1880 wurde auf Hopöschen der erste reformierte Gottesdienst in der Landschaft Luzern gehalten. Ab 1883 wurden auf Hopöschen monatlich Gottesdienste eingeführt, zu denen aus allen Richtungen Leute herbeiströmten. Durch die Unterstützung des bernischen Hilfsvereins konnten 1886 die ersten beiden Kirchgemeinden (Willisau und Ruswil) gegründen werden. Im selben Jahr wurde auf Hopöschen der erste Pfarrer, Ulrich Bähler, eingesetzt.
Die Siedlerfamilien litten schon bald unter den schlechten schulischen Verhältnissen ihrer neuen Heimat. Dazu kam natürlich das Problem der starken konfessionellen Prägung. Johannes Fahrni setzte sich für die Gründung einer vom Gesetz gebilligten Schule ein. Dieses aus dem Glauben heraus gewagte Unterfangen benötigte ausserordentlich viel Stehvermögen, wirbelte es doch viel Staub auf. Die örtliche Geistlichkeit und die Gemeindebehörde sowie eine gemässigte Zeitungskampagne versuchten das Schulprojekt zu hintertreiben. Allem zum Trotz und unter Berufung auf das kantonale Erziehungsgesetz, konnte die Gesamtschule im Herbst 1900 mit 22 Kindern in der Wohnung der Fam. Blaser gestartet werden.
Nebst der Schule fanden in diversen Orten Stubenversammlungen der Gläubigen statt.
Johanniterhof und die Stadtmission
Während auf der Landschaft die Arbeit durch verschiedene Brüder und durch Prediger Obenbach wuchs, wurde in der Stadt Luzern ein bedeutender Meilenstein gesetzt. Dieses Ereignis hängt mit der Person Friedrich Ruch zusammen. Im Diakonenhaus Basel erlernte er die Kranken- und Irrenpflege. Er fand eine Anstellung als Buchhandlungsgehilfe im Büro der Evang. Gesellschaft in Bern. Bald entdeckte man dort seine Begabung zum Predigen und schickte ihn zum Halten von Bibelstunden aus. Der Gedanke an diakonisches Wirken liess ihn nie wieder los. Er beschäftigte sich unter anderem mit der Tätigkeit des Johanniter Ordens. Dieser ging aus einer Mönchsgemeinschaft zur Pflege kranker Pilger hervor. 1910 kaufte Ruch von einem Freund das Inventar einer kleinen Pension um Bundesplatz, die er gleichzeitig in Miete übernahm. Mit Hilfe seiner leiblichen Schwester entstand so das kleine Hospiz Johanniterhof. Ihm schwebte ein Haus vor, in dem Mitarbeitern das Herbergen ein Herzensbedürfnis ist. 1912 nahm er Kontakt mit Johann Fahrni auf, bei dem er nicht auf taube Ohren für sein Anliegen stiess. Im selben Jahr kam es zur Gründung der „Genossenschaft Evang. Verein Christl. Hospiz Johanniterhof in Luzern“.
Die Stadtmission war immer ein Teil der Arbeit. Ein Zitat aus der Jubiläumsschrift soll das verdeutlichen:
„Jeden Sonntag hielt Friedrich Ruch abendliche Andachten und lud dazu zunächst die Gäste, aber auch weitere Freunde aus der Stadt ein. So entstand in Luzern ein Zweig der Evang. Gesellschaft in den Räumen des neugegründeten Hospizes. Es wurden Sonntagsschulen in Luzern und Emmenbrücke begonnen, ein Jungfrauenverein entstand, und der CVJM bat um einen Raum im Hause. Den Freundinnen junger Mädchen wurden einige Betten zur Unterbringung von stellensuchenden Töchtern zugesagt, so dass das Haus bald ein kleines Zentrum christlichen Lebens in der Diaspora wurde.“
Ruch gab im Jahre 1918 die Leitung des Hospiz ab, weil er sich der Aufgabe nicht mehr gewachsen sah, und kümmerte sich nun ganz der Stadtmissionsarbeit. Finanziell konnte die Arbeit aber nicht mehr vom Hospiz getragen werden. Man nahm mit dem Schweiz. Evang. Diakonieverein Fühlung und fand für rund zwei Jahre eine andere Trägerschaft für diesen Zweig der Arbeit. Im Jahre 1920 wurde Ruch wiederum in den Dienst der Evang. Gesellschaft berufen. Durch diese Berufung wechselte der Trägerkreis der Stadtmission definitiv zur Berner Evangelischen Gesellschaft, dem heutigen EGW.
Stadtmission an der St. Karlistrasse
1979 wurde der Johanniterhof vor allem aus finanziellen und betriebstechnischen Gründen verkauft. Die Genossenschaft wurde aufgelöst und teilweise in eine neue, unter dem Namen „Genossenschaft Haus Stadtmission“ integriert. Nach dem Erwerb der Liegenschaft an der St. Karlistrasse 13 hat eine neue Aera für die Stadtmission Luzern und ihren Dienst für das Reich Gottes begonnen. Die Stadtmission widmete sich nun vollumfänglich ihrem Auftrag als Teil der weltweiten Gemeinde Jesu Christi tätig zu sein. Die Arbeit der Stadtmission erfuhr einen Aufbruch, bis zu 120 Leute besuchten jeweils die Gottesdienste am Sonntagmorgen. Die Kinderarbeit, vor allem die Jungschar, wuchs zu einer Grösse von ca. 50 Kindern pro Nachmittag an.
Differenzen über Lehrfragen führten aber zu einer Stagnation des Wachstums bis hin zum Rückgang der Besucherzahlen und Mitglieder. Die Stadtmission ist ein eigener Verein,der im Rahmen einer Institution dem Evangelischen Gemeinschaftswerk in Bern angegliedert ist. Die Stadtmission befindet sich zur Zeit in einer Phase der Neuorientierung und der Besinnung ihres Auftrages.
Verzeichnis der Pfarrer in der Stadtmission
| Friedrich Ruch | 1920 - 1923 |
| Ludwig Schmidt | 1923 - 1929 |
| Vakanzzeit | |
| Willi Keller | 1934 - 1936 |
| Friedrich Ruch | 1936 - 1944 |
| Samuel Röthlisberger | 1944 - 1949 |
| Hans Jakob | 1949 |
| Vakanzzeit | |
| Paul Vischer | 1950 - 1959 |
| Gottfried Wildermuth | 1959 - 1973 |
| Heinz Pohlmann | 1973 - 1977 |
| Fritz Peyer | 1977 - 1979 |
| Jost Kiser | 1979 - 2000 |
| Theo Schindler | 1980 - 1990 |
| Hanspeter Sommerhalder | 1983 - 1990 |
| Roland Jenni | 2000 - 2008 |
| Urs Wunderli | 2008 - |
Quellenangaben
In folgenden Büchern und Quellen erhalten sie einen detailierteren Überblick über die Geshchte in der auch die Stami eingebetet ist:
- Alder, Garfield: Die Bibel in der Innerschweiz. Schicksale und bekenntnisse, Basel 1964
- Brändly, Willy: Geschichte des Protestantismus in Stadt und Land Luzern. In: Luzern, Geschichte und Kultur, Band 4, Luzern 1956
- Chronik der Evangelischen Gesellschaft, Bezirk Luzern 1907-1974
- Dellsperger, Nägeli, Ramser: Auf dein Wort. Zum 150jährigen Bestehen der Evang. Gesellschaft, Bern 1981
- Dürrenmatt, Peter. Schweizer geschichte, Zürich 1963
- Fahrni, Hans: 50 Jahre Schule Hopöschen, ruswil 1949
- Guggisberg, Kurt: Bernische Kirchengeschichte, Bern 1958
- Schranz, Hans. Festschrift zum 125 Bestehen der Evang. Gesellschaft des Kt. Bern, Bern 1958
- Heer, Friedrich: Geschichte der ersten Diaspora-Gemeinde der Schweiz, Luzern 1927
- Heussi, Karl: Kompendium der Kirchengeschichte, Tübingen 1971
- Kocher, Emil. Gott allein die Ehre, Gedenkschrift zum 100-jährigen Bestehen der Efang. Gesellschaft des Kantons Bern 1831-1931, Bern 1931
- Mattmüller, Marie. 50 Jahre Christl. Hospitz Johanniterhof Luzern, Luzern 1960
- Protokolle und Jahresberichte der "Genossenschaft Christl. Hospitz Johanniterhof"
- Schlatter, Wilhelm: Pietismus, Kirche und welt, bern 1931
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1 Aus dieser Gesellschaft entstand später das Evangelische Gemeinschaftswerk (EGW), dessen Verband die Stadtmission heute angeschlossen ist.
2 Der Pietismus ist eine Erneuerungsbewegung, die anfänglich aus der Ev. Landeskirche hervorgekommen ist. In Deutschland werden viele dieser Gemeinschaften im Gnadauer Verband zusammengefasst, mit dem Anliegen, noch heute innerhalb der Landeskirche zu arbeiten. Dies geht mal besser mal schlechter. In der Schweiz war dies, bis auf die Ausnahme des EGW's in Bern, nicht möglich. Aus dem Pietismus sind in der Schweiz deshalb viele der älteren Freikirchen wie z.B. Chrischona, Freie Evangelische Gemeinde (FEG), Brüderverein usw. entstanden.
3 Zu dieser Zeit stand die Bibel auf einer schwarzen Liste der Kath. Kirche. Bücher auf dieser Liste durften vom gewöhnlichen "Laien" nicht gelesen werden.
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Luzern, 28. Mai 2008






